Nachhilfeschule Indien

Kerala ist ein für indische Verhältnisse moderner Staat. Dort im Süden des Landes herrscht Schulpflicht. Doch die meisten Kinder gehen nur für kurze Zeit in den Unterricht, dann bleiben sie immer öfter zuhause, verlieren den Anschluss und gehen zuletzt gar nicht mehr hin.

So auch in Adimalathura, einem Dorf an der Westküste. Die Jungen helfen den Vätern beim Fischen; die Mädchen, welche der Schule gezwungenermaßen noch öfter fern bleiben, kümmern sich um Geschwister und helfen den Müttern im Haushalt. In die Ausbildung der Mädchen wird kaum investiert. Deshalb sind sie besonders auf Förderung angewiesen.

Karin Widera und ihr Mann Ingolf Zera haben dort in Adimalathura 1995 eine kleine Nachhilfeschule gegründet, die St. Frederic School. Dort können Kinder den verpassten Lernstoff nachholen. Am Anfang kamen nur 30 Jungen und Mädchen im Alter zwischen sechs uns zehn Jahren, heute sind es rund 130. Sie alle brauchen Unterstützung damit auch weiterhin die Möglichkeit zur Bildung und somit zur Existenzsicherung besteht.

Kerala im Südwesten Indiens gilt in vieler Hinsicht als besonders fortschrittlich. Rund 91 Prozent der Einwohner können dort lesen und schreiben – mehr als in allen anderen Staaten Indiens. Der Staat ist auch der einzige im männer- und jungenfixierten Indien, in dem mehr Frauen als Männer leben: Auf 1000 Männer kommt ein Frauenanteil von 1040. Im Durchschnitt liegt das Verhältnis Männer: Frauen bei 1000 : 927. Damit steht Kerala an erster Stelle aller indischen Bundesstaaten.

Trotzdem wird auch Kerala gesellschaftlich von den Männern dominiert. Besonders auf dem Land hat die Familie eine übergeordnete Stellung, und es gibt eine klare Hierarchie: Frauen stehen immer im Schatten der männlichen Familienmitglieder. Sie werden erst von Vätern und Brüdern, nach der Heirat vom Ehemann und dessen Familie und schließlich von ihren Söhnen bevormundet. Nur als Mütter von Söhnen erhalten sie eine etwas höhere soziale Stellung.

Frauen werden weniger als eigenständige Menschen betrachtet, sondern eher als Dienerinnen. Von ihnen wird erwartet, sich schüchtern und bescheiden im Hintergrund zu halten und gehorsam zu sein. Deshalb genießen sie auch sehr selten eine Ausbildung oder gehen einer Arbeit außerhalb des Hauses nach.

Heute stehen Frauen in dem Unionsstaat unter hohem Druck und leiden vielfach an Existenzangst. Einer der Gründe dafür ist die zunehmende Abwanderung männlicher Arbeitsmigranten in den Nahen Osten und die große Verantwortung für die Restfamilie, die dann auf den Müttern lastet.

Auf Grund der nur schwach ausgeprägten Industrie weist Kerala eine der höchsten Arbeitslosenraten Indiens auf: Arbeitslose Männer ertränken ihre Frustration darüber oft im Alkohol. Das wiederum führt zu physischer Gewalt gegen Frauen. In der Landeshauptstadt Thiruvananthapuram ist diese so hoch wie in keinem anderen vergleichbaren Gebiet, Indiens – Armenviertel nicht eingerechnet. „Wenn die Sicherheit verloren geht, hat Gewalt leichtes Spiel“, sagt die indische Soziologin Prameela Devi in einem Beitrag von SNS (New Agency of International Network of Street Papers).

Um Frauen aus diesem Teufelskreis zu befreien ist in erster Linie Bildung wichtig. Einen kleinen Beitrag dazu leisten Karin Widera und Ingolf Zera aus Köln. Das Ehepaar hat in dem kleinen Fischerdorf Adimalathura nahe Kovalam 1996 ein Schulprojekt ins Leben gerufen. In Kerala herrscht normalerweise Schulpflicht, doch viele Kinder aus dem Dorf gehen nur unregelmäßig in den Unterricht. Vor allem Mädchen bleiben der Schule oft fern, weil in deren Ausbildung kaum investiert wird und sie stattdessen den Müttern im Haushalt helfen müssen. Irgendwann verlieren diese Mädchen, aber auch viele Jungen den Anschluss in der Regelschule und gehen deshalb nicht mehr hin.

In der St. Frederic School können sie den verpassten Lernstoff aufholen und wieder in die Regelschule zurückkehren. Fünf Lehrerinnen und Schulleiter Paulose Netto unterrichten heute rund 130 Kinder.

Für die Mädchen endet die Ausbildung meist mit dem Anschluss der Regelschule. Sie werden früh verheiratet und bekommen schnell ihre Kinder. Dadurch haben sie keine Chance den Teufelskreis der Abhängigkeit zu durchbrechen und ein eigenverantwortliches Leben zu führen, dass ihnen und somit auch ihren Kindern eine Perspektive bietet. Helfen könnte ihnen eine Ausbildung in einem handwerklichen Beruf. Zum Beispiel als Schneiderin. Deshalb soll in Adimaluthura das Ausbildungsprojekt „we can“ initiiert werden.

Im Umfeld des Dorfes und den vielen Ayurveda-Ressorts, die sich in den vergangenen Jahren an den Küsten angesiedelt haben, gibt es viele Männer, die als „Schneider“ arbeiten. Doch deren Produkte lassen sich kaum an die Touristen vermarkten, weil die Textilien nicht gut verarbeitet sind und selten passen, da sie nach Augenmaß gefertigt werden. Doch die Chancen der Vermarktung für handwerklich exakt ausgeführte Textilien sind sehr gut – vor allem, wenn sie direkt an die Hotels oder in einem Laden in Strandnähe verkauft werden.

Geplant ist deshalb der Bau eines Ausbildungszentrums. Dieses Gebäude wird auf einem Gelände in Strandnähe errichtet. Es besteht aus Räumen für die Ausbildung, für die Produktion und zur Unterbringung der Ausbildungsleiterin – eine versierte Schneiderin aus Deutschland, die sich beim Senior Expert Service in Bonn engagiert. Auch Räume für einen Laden sind vorgesehen.

Nach ihrer intensiven Ausbildung bekommen die Mädchen und Frauen eine Nähmaschine finanziert. Das Geld für die Anschaffung müssen sie in überschaubaren Raten zurückzahlen. Das Geld für die Rückzahlung verdienen sie durch den Verkauf ihrer Produkte im Laden. Sie können zuhause nähen – wenn sie dort Strom haben – oder in einem Raum des Ausbildungszentrums. Damit ist gewährleistet, dass die Produkte auch dem geforderten Qualitätsstandard entsprechen.

Mittelfristig ist geplant, dass sie ihre Produkte auch für den europäischen Markt herstellen. Neben Textilien sind für diese Vermarktung auch weitere Produkte vorstellbar: zum Beispiel, Seifen, Schmuck, handgeschöpftes Papier.